Eine kleine Baugeschichte

Die St. Andreaskirche war vielleicht ursprünglich die Hauskapelle des inzwischen verschwundenen Bischofshofes. Sie diente auch als Ausweichkirche für den Dom. Ihren Namen (Patrozinium) hat sie auf ungeklärte Weise vom Dom übernommen, der ursprünglich (849) dem Hl. Andreas geweiht war.

Erstmals erwähnt wurde die St. Andreaskirche 1220. Damals war sie schon eine Pfarrkirche, an der der Verdener Bischof Iso von Wölpe ein Chorherrenstift gründete. Ein Chorherrenstift ist eine klosterähnliche Gemeinschaft von Geistlichen, die mehrmals täglich zum Psalmgebet im Chor ihrer Kirche zusammenkommen. Solche Stifte hatten nicht selten in der Nähe eines Domes ihren Sitz und sollten den Ruhm und das Ansehen der eigentlichen Kathedrale erhöhen - so formuliert es auch die Verdener Stifungsurkunde von 1220. Bischof Eberhard von Holle führte um 1570 in Verden die Reformation ein; damit wurden Stift und Gemeinde lutherisch. Nach dem 30 jährigen Krieg hoben die Schweden als neue Landesherren das Stift auf; doch blieb St. Andreas Mittelpunkt eines großen Kirchenspiels.

Der Innenraum und seine Einrichtung

Die einschiffige Kirche gliedert sich in zwei Gewölbejoche und ein Chorjoch mit einer halbrunden Apsis. Der Chor - ursprünglich Ort für den regelmäßigen Psalmgesang der Stiftsherren - gehört bis heute nicht der Kirchengemeinde, sondern dem (staatlichen) Domstrukturfonds und damit der hannoverschen Klosterkammer als Rechtsnachfolger des alten Stiftes.

Neben dem Altar ist die Grabplatte des Bischofs Iso in die Wand eingelassen. Er starb im Jahr 1231, sein Grab liegt mitten im Chor vor dem Altar. Unter dem erhöhten Fußboden des Chorraumes befinden sich noch andere Gräber und Gewölbe, die allerdings im einzelnen nicht erforscht sind. Die Messingplatte wurde 1822 aufgenommen, um sie vor weiterer Zerstörung zu schützen. Die Grabplatte ist in ihrer Ziselierungstechnik eines der ältesten Exemplare auf dem europäischen Kontinent. Bischof Iso ist im bischöflichen Ornat mit einem Pallium als besonderer Auszeichnung abgebildet. In den Händen trägt er eine Kirche und ein Festungsbauwerk.

Im Mittelpunkt steht der Altar. Er ist mit einem Kruzifix aus dem 17. Jahrhundert geschmückt. Die Leuchter auf dem Altar stammen aus der napoleonischen Zeit und sind Stiftungen aus der Gemeinde.

Über dem Altar, in der Kuppel der Apsis, fällt die Darstellungdes Pantokrator (Christus als Weltenherrscher) ins Auge, wie sie sich in orthodoxen Kirchen häufig findet: Christus in seiner Herrlichkeit, auf dem Regenbogen sitzend, die rechte Hand ist zum Segen erhoben, in der linken Hand hält er das aufgeschlagene Buch mit den griechischen Buchstaben A und O (Anfang und Ende). Er ist umgeben von den den Symbolen der vier Evangelisten (v.l.n.r. Adler: Johannes; Stier: Lukas; Löwe: Markus; Mensch: Matthäus). Neben Christus: Maria und Johannes der Täufer als Fürsprecher für die Menschen. Das Bild stammt sicher aus dem Mittelalter. Es war lange übermalt und wurde 1910 durch den hannoverschen Kirchenmaler Reinhard Ebeling restauriert und in Einzelheiten (z.B. Fußhaltung) verändert. Auch die Bemalung der Gewölbe im Chor wie in der ganzen Kirche ist nach mittelalterlichen Resten ergänzt.

Die frühbarocke Schauseite des heutigen Chorgestühls ist aus Teilen zusammengesetzt, die früher zu verschiedenen Kirchengestühlen gehörten. Über dem Gestühl hängt ein Epitaph, das an die Ehefrau des Pastors Bolckenius Büscher erinnert (1736).

Der Taufstein aus geschliffenem Kalkstein trägt die Jahreszahl 1649 und den Namen des Stifters Johann Pfeil. Pfeil war ein schwedischer Beamter, sein Wappen ist am Fuß angebracht. Der Kalkstein ist von schwedischer Herkunft.

Die Orgel musste mehrfach erneuert werden und hatte an verschiedenen Stellen ihren Platz. Die heutige Orgel wurde 1974 von der Firma Hillebrand in Altwarmbüchen erbaut. Mit ihren 13 Registern ist sie im Stile einer Chororgel nach Klangvorstellungen des 17. Jahrhunderts konzipiert.

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Die Kanzel wurde gegen 1865 für die Stiftkirche in Bücken gefertigt. Sie ist dem romanischen Stil dieser Kirche nachempfunden und wurde 1985 hier aufgestellt.

Das Kirchenschiff ist heute recht schmucklos. Die ehemaligen Nebenaltäre (mindestens fünf) sind verschwunden. Die 2009 freigelegte Nische in der Südwand könnte Standort eines Nebenaltars gewesen sein. Die beiden Kronleuchter (sog. flämische Kronen) wurden 1734 und 1744 von Angehörigen der Gemeinde gestiftet. Die Stiftsnamen sind auf den Kugeln eingraviert. Das Gemälde an der linken Wand stellt Jesus dar, der die Kinder segnet (Markus 10, 13-16). Es wurde vor 1866 von Charlotte Scharf, einer Verdener Künstlerin, gemalt. Die Personen stellen damalige Bewohner der Verdener Süderstadt dar. Gegenüber hängt ein Kruzifix, der 1969 entstand (Johannes Lentner). Die Ausmalung der Fensterbögen ist nach überlieferten Resten gestaltet.

Die kleine Figur des Heiligen Andreas am rechten Chorpfeiler stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert.

Glocken_Vortrag_DrJarecki.pdf

Der aus Sandstein errichtete Turm war ursprünglich nicht höher als das Kirchenschiff. In der Nordwand ist noch eine Türöffnung zu erkennen, die auf einen ehemaligen Anbau (vermutlich den Bischofshof) hindeuten könnte. Der Turm ist außen durch ein feinprofiliertes Rundbogenfries gegliedert. Darüber sind die Schallöffnungen der ursprünglichen Glockenstube zu sehen. In spätgotischer Zeit wurde der Turm mit Backsteinen um zwei Stockwerke erhöht. Ankersplinte mit der Jahreszahl 1737 zeugen von Reparaturen am Turm, auf die wohl die Stützmauer an der Südwestecke zurückgeht. 1914 wurde das Fundament gesichert und die Nordwestecke neu aufgemauert. 1984 mußte der Turmhelm erneuert werden.

Von den beiden Glocken stammt die kleinere aus dem 13. Jahrhundert, die größere wurde 1958 neu gegossen.

Nach der Zeit Isos entstand das Konventsgebäude an der Nordseite, dessen Reste heute als Sakristei dienen. Es war ursprünglich zweistöckig und umfasste neben der Sakristei Räume für die Stiftsherren. 1689 wurde das Gebäude auf die heutigen Maße verkleinert. In der Ostwand ist der Abfluss der Piscina in der Sakristei zu erkennen, die ursprünglich zum Auswaschen der Abendmahlsgeräte diente.