Eine dritte Glocke für die Andreaskirche

Vortrag am 19.8.2018 von Dr. W. Jarecki

Glocken kennt jeder. Und jeder verbindet sie mit Kirche. Hier in Sankt Andreas läutet die Gebetsglocke dreimal am Tag. Dazu noch sonntags zu den Gottesdiensten, den regelmäßigen und den besonderen wie Trauungen und Taufen. Auch bei Beerdigungen werden sie geläutet. Am Dom, nebenan, bekunden die Glocken auch die Uhrzeit, viertelstündlich wird eine kleine Glocke, stündlich eine große Glocke angeschlagen. Damit sind zwei Funktionen von Glocken genannt. Sie haben eine kirchliche Bedeutung und regelten früher auch das weltliche Leben. Schillers Lied von der Glocke, das in früheren Jahren alle Schüler auswendig lernen mussten, behandelt vor allem diese bürgerliche Bedeutung der Glocken. Dabei ist das Hörbarmachen der Uhrzeit nur eine Rest von vielen anderen Funktionen, die später zum Beispiel Sirenen übernahmen, wie Anzeigen von Brand, von Kriegsgefahr, von Unwettern. Bei solchen Anlässen dienten die Glocken dazu, die Bürger zusammen zu rufen zu gemeinsamen Aktionen. Deswegen gehören oder gehörten in vielen Städten Kirchtürme den politischen Gemeinden, oder diese mussten die Baulast für den Turm tragen oder mittragen. Hier in unserer Andreas-Kirche ist die diese „bürgerliche“ Funktion der Glocken wenig ausgeprägt gewesen, weil zur Kirche vor allem ein großes Landkirchspiel gehörte, während der städtische Anteil sehr gering war und nur zwei Straßen im Süderende umfasste.
 

Die kirchlichen Aufgaben der Glocken

Die frühen Christen lehnten Glocken, die im antiken Umfeld durchaus vorhanden waren, ab. So sind bei Paulus inm Korintherbrief das „tönende Erz“ und die „klingende Schelle“ etwas Negatives und haben keine christliche Bedeutung. Die „Liebe“ fehlt, so Paulus.

Im frühen Mittelalter allerdings kamen dann doch Glocken in Gebrauch und zwar zunächst in Klöstern. Hier dienten sie dazu, die Mönche zu gemeinsamen Gebetszeiten zusammenzurufen, hatten also, wenn man so will, keine geistliche, sondern zunächst nur eine ordnende, also eigentlich eine weltliche Funktion. Über die iroschottischen Mönche, die in Deutschland missionierten, kamen die Glocken auch zu uns. Diese wandernden Missionare führten Handglocken mit sich, mit denen sie wahrscheinlich auch zu Gottesdiensten einluden.

So wurden Glocken auch an den festen Missionsplätzen, den Vorläufern der Bischofssitze, üblich. Eine solche frühe Glocke aus dem 10. Jahrhundert hat sich in Haithabu bei Schleswig erhalten. Man wird davon ausgehen können, dass auch am frühen Missionsstandort Verden derartige Glocken vorhanden waren.

Glocken wurden also schließlich doch akzeptiert und durch Weihe und entsprechende Inschriften in kirchlichen Gebrauch übernommen.

Im hohen Mittelalter riefen die Glocken nicht nur zum Gottesdienst, sondern verkündeten auch allgemeine Gebetszeiten für alle Gläubigen, zunächst nur abends, später auch morgens und ab 1457 auch mittags. Dieses mittägliche Geläut und Gebet waren vom Papst pro pace, also für den Frieden bestimmt worden. Abends und morgens war das Avemaria, umrahmt vom Angelus, zu beten. Daher wurde dieses Läuten auch Angelus-oder Marienläuten genannt, das den Feierabend beginnen ließ. Diese drei Läutezeiten werden in St. Andreas noch immer ausgeführt, sind aber leider nur in einem engen Umkreis zu hören. Natürlich hat die Reformation das Avemaria abgeschafft, stattdessen dachte man an das Beten des Vaterunsers. So ist es auch in vielen Kirchen üblich zu läuten, während im Gottesdienst das Vaterunser gebetet wird. Dazu gehört allerdings eigentlich eine besondere Läuteform, die sich mit den elektrischen Läutegeräten von heute nur schwer verwirklichen läßt. Zu diesem Gebetsläuten wird die Betglocke benutzt, traditionell die kleinste Glocke im Geläut. Überhaupt waren den einzelnen Glocken durchaus verschiedene Aufgaben zugewiesen, die der Bevölkerung auch bewusst waren. Ein volles Geläut, wie wir es heute als normal annehmen, war früher nur selten zu hören.

Die Glocken der Andreaskirche

Im Turm der Andreaskirche hängen zwei Glocken, die größere ist 1958 gegossen worden. Sie ist den Toten der Weltkriege gewidmet und trägt die Inschrift

Er macht lebendig die Toten und rufet dem, das nicht ist, dass es sei. Röm 4,17

Ihre Vorgängerin musste wie viele andere Glocken während des Zweiten Weltkrieges abgeliefert werden, weil die Kriegswirtschaft einen großen Bedarf an Buntmetallen hatte. Diese Glocke ist aber nicht eingeschmolzen worden, sondern befand sich nach den entsprechende Listen am Kriegsende noch auf dem sogenannten Glockenfriedhof im Hamburger Hafen. Sie konnte allerdings nicht mehr identifiziert werden und war nicht aufzufinden. Wahrscheinlich war sie in Folge eines Luftangriffs zerstört worden; zum Ausgleich wurde entsprechender Glockenbruch (vielleicht von der alten Glocke) der Kirchengemeinde zurückgegeben. Dieses Material wurde beim Guß der heutige große Glocke mit verwendet, den die Traditionsfirma Gebr. Rinck ausgeführt hat.

Die Vorgängerin selber hat ungefähr 200 Jahre im Turm der Kirche gehangen. Gegossen wurde sie 1742, und zwar am 21. Oktober. Ihre Inschrift lautete:

Gott lasse diese Glock nie FeuersNoth entdecken,
Doch viel zum GottesDienst, zur Ewigkeit erwecken!

Hier war tatsächlich noch diese weltliche Funktion der Glocke, Feuermeldung, bedacht!

Der Glockenguss war 1742 nötig geworden, weil die damalige zweitgrößte Glocke geborsten war und nicht mehr geläutet werden konnte. Die Reste wurden nach Lüneburg geschafft, wo der Glocken- und Kanonengießer Ohmann mit dem Neuguß beauftragt war. (Glocken und Kanonen bestanden aus dem gleichen Material!). Weil die neue Glocke größer werden sollte, übergab man ihm auch zwei weitere Glocken aus der Andreaskirche, die etwa halb so groß waren wie die geborstene Glocke. Außerdem gab es noch Geldstiftungen von Seiten der Gemeinde, so dass die neue Glocke mehr als doppelt so groß werden konnte wie die geborstene.

Bei diesem Guß im Juni 1742 gab es allerdings Probleme! Die geschmolzene Metallmasse, die sog, Glockenspeise, füllte die vorgesehene Form nicht ganz. Der Neuguß, der offensichtlich nötig war, war mit einem Unglücksfall verbunden, denn beim Zusammensetzen der Gussform zerriß das Tau, an dem die äußere Form hing, so daß diese herabfiel und beinah den Gießer mit seinem Sohn erschlagen hätte . Natürlich zerbrach sie auch. Schließlich konnte der Guß im Oktober wiederholt werden und zu Weihnachten konnte dann die neue Glocke erstmals erklingen. Das nur am Rande.

Wir halten aber fest: Es gab vor 1742 vier Glocken in der Andreaskirche. Die ehemals größte Glocke überlebte die Veränderungen und hängt noch heute als kleine Glocke oben im Turm. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert. Für das Alter dieser Glocke gibt es zwei Indizien: einmal ihre Form, die einer sog. Zuckerhutglocke, die im 12. Jh. aufkam. Zum andern die Buchstabenform der Inschrift, die ebenfalls ins 13. Jh weist.

Die Inschrift ist ein lateinischer Vers und lautet:

Gaudia do mestis, denuncio tempora festis.

(zu deutsch: Freuden gebe ich den Traurigen, die Zeiten verkünde ich für die Feste.)

Eine Inschrift, die auf ausschließlich geistliche Funktionen hinweist!

Da Bischof Iso von Wölpe, der 1231 starb, um 1220 die Andreaskirche hat neu erbauen lassen, liegt der Gedanke nahe, auch diesen Glocke auf ihn zurückzuführen - sicher zu beweisen ist diese Annahme allerdings nicht.

Diese Glocke ist die älteste Glocke in Verden, denn die Glocken der Johanniskirche stammen erst aus dem 14. Jh. und im Dom hängen heute Glocken aus dem 16. und 18. Jh, diese jüngeren Glocken sind sog. Patenglocken aus Ostpreußen, aus Königsberg und Engelstein im Kreis Angerburg. Sie hatten auf dem Hamburger Glockenfriedhof überlebt und konnten nicht an ihren ursprünglichen Standort zurückkehren. Sie traten im Dom an die Stelle von zwei kleineren Glocken (Holtumer und Scharnhorster), die im Alter der Andreasglocke vergleichbar sind, aber heute in Kirchboitzen ihren Dienst tun.

Diese alte Glocke in St. Andreas war wegen ihres hohen Alters und ihres historischen Wertes im Krieg nicht beschlagnahmt worden - trotz aller Materialnot. Umso größer ist unsere Verpflichtung zum Schutz dieser Glocke.

Sie läutet in der Andreaskirche also fast 800 Jahre, mindestens aber 750 Jahre und wird seit mindestens 250 Jahren täglich 3 mal geläutet. Eine enorme Belastung für das Material.

Daher raten Fachleute schon lange sie zu entlasten, natürlich durch eine Neuanschaffung. Diese Überlegung hat man auch in den fünfziger Jahren schon einmal angestellt. Damals hat man aber von der Anschaffung einer dritten Glocke abgesehen, u.a. weil der Kirchenvorstand keine Möglichkeit sah, eine dritte Person zum Läuten zu finden und zu bezahlen - denn die Glocken wurden noch mit der Hand geläutet. Das hat sich inzwischen geändert, heute übernehmen Läutemaschinen diese schwere Arbeit!

Aber die Aufgabe, die alte Glocke zu schonen, bleibt und wird immer dringlicher.

Eine Glocke kostet natürlich einiges Geld. Ihre Herstellung ist mit viel Überlegung und Planung verbunden und kann nur von entsprechenden Fachleuten vorgenommen werden. Schließlich soll sie nicht irgendwie klingen, sondern zu den vorhandenen Glocken passen. Hinzu kommen Montagekosten. Das heißt im Turm muss ein Platz geschaffen werden, wo die Glocke hängen und vor allem schwingen kann. Dazu braucht sie einen Glockenstuhl, der in die vorhandene Anlage eingepasst werden muß. Auch das verursacht natürlich Kosten, Material (schwere Eichenbalken)und tüchtige Zimmerleute gibt es nicht umsonst.

Doch dies alles ist zu schaffen. Die Kirchengemeinde sammelt schon lange Spenden für diesen Zweck. Und auch der heutige Tag soll helfen und das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer weiteren Glocke stärken – und natürlich die Spendenbereitschaft.

Doch wenn diese Hindernisse alle überwunden sind, können wir uns freuen und stolz sein und sollten die Glocke dem Frieden widmen. Das würde gut zu der anderen Glocke passen, die den Toten der Weltkriege gewidmet ist. So könnte die Glocke dann laut verkünden, was wir jeden Sonntag im Gottesdienst singen: „Verleih uns Frieden gnädliglich“.

Oder, wie es in Schillers Glocke am Ende heißt:
„Friede sie der Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.“

W. Jarecki